15 Minuten O-Töne: Michael Cretu (German Version)

Virgin Germany Oktober 5 1996

Zielsetzung des neuen Enigma-Albums

Nachdem die ersten beiden Alben eher experimentellen Charakter hatten, wollte ich jetzt eher ein 'Middle-of-the-road-Album' machen, bei dem der Zuhörer nicht gefordert ist, einen Sinn zu suchen, und sich keine Gedanken zu machen braucht.Das finde ich wirklich gut. Mit dem dritten Titel 'Third of its kind' erklärt sich das Album selbst als das Kind seiner Eltern, der ersten beiden Alben. Es sind auch wieder ethnische und gregorianische Gesänge vorhanden, aber das Album hat seine eigene Identität. Das wollte ich erreichen. Ich wußte nur nicht wie, und so war es ganz interessant, wie sich alles entwickelt hat. Zunächst erzeugte meine innere Stimmung oder der Kopf, oder wo die Kreativität auch immer herkommen mag, etwas ganz anderes. Das war auch gut, und ich hatte die Hoffnung, meine ursprünglichen Ziele zu erreichen, schon fast aufgegeben. Nach einem halben Jahr dann, als sich alles kristallisierte, entsprach es schließlich doch dem Urgedanken.

Das Video zur Single

Das Video ist wieder eines, das keine Referenzen hat, da es bisher nichts Vergleichbares gibt. Ich weiß nicht mehr, woher ich die Idee hatte. Ich habe zu Julian Temple gesagt: "Hey Du, paß auf, ich hör Frauen, die aus den Bäumen singen und dazu stell ich mir Eisläufer vor." Er hatte dann die Idee, das Ganze in einem Wald zu drehen. Ab einem gewissen Punkt inspiriert einer den anderen. Die Initialzündungen kommen meistens von mir, so hatte ich z.B. bei Return to innocence die Idee, das ganze Video rückwärts laufen zu lassen. Viele Leute fragen, wie ich auf so etwas komme, aber ich weiß es nicht. Es wird auf jeden Fall nicht soviel bewußt nachgedacht, wie man annehmen könnte.

Die drei Gestalten auf dem Cover des Albums

Beim Cover gefällt mir sehr gut, daß es schon vorher im Video zur Single antizipiert wurde, denn so etwas kenne ich bisher auch noch nicht. Außerdem finde ich die drei Gestalten herrlich. Genau so wie man sich vor hundert Jahren die Mensch-Maschine vorgestellt hat. Überhaupt mag ich das Jules-Verne-artige. Außerdem passen die drei Gestalten auch sehr gut zu Enigma 3.

Wie der Meister arbeitet

Die Zeit, die ich tatsächlich an den Stücken gearbeitet habe, war gar nicht so lang. Das habe ich bei diesem Album extrem bemerkt. Es dauert viel länger, erst einmal in die Atmosphäre eines bestimmten Liedes einzutauchen. Manchmal geh ich einfach ins Studio und höre mir das an, woran ich gerade arbeite. Und dann, vielleicht nach zwei Stunden, wenn ich so richtig in der Musik drin bin, finde ich auf einmal die passenden Sounds und Worte, treffe die richtigen Entscheidungen und das alles relativ schnell. Aber es dauert sehr lang, bis ich den Alltag erst einmal vergessen habe und richtig in diese Atmosphäre eingetaucht bin. Deshalb arbeite ich auch nachts, allerdings war ich immer schon ein Nachtmensch, auch als Kind.

Unabhängigkeit durch eigenen Gesang

Obwohl ich, wenn es sein mußte, ab und zu mal gesungen habe, z.B. weil kein passender Sänger zu finden war, hat mich Singen normalerweise immer genervt. Bei diesem Album hat mir das komischerweise zum ersten Mal im Leben Spaß gemacht. Der Grund dafür, daß ich soviel gesungen habe, ist aber viel mehr, daß die Titel das erfordert haben. Außerdem macht es natürlich alles viel einfacher, selber zu singen. Ich kann irgendeine Melodie mit einem Text ausprobieren und kann es halt schnell verändern, wenn es nicht gut klingt. Wenn Du einen Sänger hast, der immer erst kommen muß, dann dauert alles viel länger. In mir schlagen einfach auch zwei Adern. Einmal der Richter, sprich der Produzent und zum anderen der Künstler. Scheinbar kann ich diesen Schalter noch ganz gut und effektiv bedienen.

Materialsammlung für neues Album

Ich könnte schon einen Ethnoplattenladen aufmachen mit all dem, was sich hier in den Schränken verbirgt. Seit Enigma 1 habe ich mir hunderte, wenn nicht sogar über tausende CDs, Platten, CD-Roms, Sample-CDs und so weiter angehört. Und brauchbar ist davon, zumindest nach meinen Maßstäben, nicht mal ein Prozent. Das ist alles eine mühselige Arbeit, das schleift dir das Hirn ab. Viele denken, der entdeckt da einen Sound, legt noch einen Rhythmus darunter und damit hat sich's. Ich hab das ab und zu mal einigen Leuten gezeigt und die schütteln oft den Kopf, wenn sie sehen, aus welchen Signalen ich noch eine Melodie zusammenbastele.

'Alchemismus'

Enigma-Platten machen ist so etwas wie Alchemismus, bloß in musikalischer Hinsicht. Im Mittelalter stand der Alchemist auch vor Eidechsenblut, Erde und einem Ziegelstein und hat gehofft, daß jetzt z.B. Silber herauskommt. Manchmal kam's heraus und manchmal kam nichts heraus, und das ist das Schöne dabei: man verfolgt ein bestimmtes Ziel und das Ergebnis ist etwas vollkommen anderes, woran man ursprünglich gar nicht gedacht hat. Ich glaube, es ist nicht möglich, Platten dieser Art zu machen, wenn man gedanklich nicht eine irrsinnige Flexibilität besitzt. Man braucht die Fähigkeit, und die habe ich ohne Zweifel, innerhalb einer Sekunde einen Plan, der vielleicht schon ein Jahr alt ist, wieder zu verwerfen, weil man merkt, daß etwas anderes vielleicht besser ist. So entstehen abenteuerliche Verbindungen zwischen Kulturen, z.B. beim Titel 'The child in us', wobei der noch harmlos ist. Da wechseln sich Sanskrit-Gesänge mit Gregorianern und Mongolen ab und hinzu kommt noch mein Gesang. Das klingt dann so organisch, deswegen hört man sich's an, man sagt:Schönes Lied. Man zerbricht sich gar nicht den Kopf über das 'Wie, Was, Warum und Woher'. Wenn das erfüllt ist, dann war meine Arbeit richtig.

Globale Fangemeinde

Vom Eskimo bis zum Japaner und Afrikaner und weißem Mann, wieso kaufen sie alle die Enigma-Platten? Es ist nicht wie z.B. bei vielen amerikanischen Bands, die Riesenerfolge haben und in Amerika acht Millionen Platten verkaufen und im Rest der Welt vielleicht eine Million. Es ist keine regionale Musik, sondern sie paßt anscheinend zu jedem. Wahrscheinlich sind das Ursignale, die in jedem Menschen stecken, sodaß alle darauf ansprechen, ob weiß oder gelb oder schwarz.

Musikalischer Werdegang

Ich hab mit 5 oder 5 ½ Jahren angefangen, Klavier zu lernen und habe in dem Alter natürlich oft Bauchschmerzen simuliert, weil ich überhaupt keine Lust darauf hatte. Ab der 2. Schulklasse habe ich dann gewechselt in eine Art Musikschule, eine Schulform, die es im Westen eigentlich nicht gibt, eine typische Ostblockgeschichte also. Es findet ganz normaler Unterricht statt, bis zum Abitur, und man schaut, was du für Talente entwickelst, und das war bei mir halt die Musik. Ich wurde ausgebildet zum Konzertpianisten, habe aber schließlich festgestellt, daß das irrsinnig langweilig ist, weil ich keine Lust habe, mein Leben lang immer die gleichen 50 Standardkonzerte zu spielen. Dann hab ich Dirigieren studiert und nachdem ich aus Rumänien rauskam, an der Musikhochschule Frankfurt in Komposition und Dirigieren meinen Abschluß gemacht. Schon während dieser Zeit hatte ich begonnen, als Studiomusiker und als Arrangeur zu arbeiten. Schließlich fing ich mit dem Produzieren an und machte in dieser Richtung immer weiter. Das Geld habe ich immer investiert in Geräte und Maschinerien, so daß ich eigentlich schon immer mein eigenes Studio hatte. Hast Du kein eigenes Studio, und dir fällt um 4 Uhr morgens irgendwas ein, dann mußt du erstmal in einem Studio anrufen: Habt ihr einen Termin frei oder nicht, oder wann oder wie? Hollalala - dann ist schon alles verblasen. Wenn ich das Gefühl habe, ich bin inspiriert, muß ich es sofort machen.

Total Recall (Arbeitsprinzip)

Ich arbeite immer parallel an sieben bis acht Stücken und dank der Technik, Gott sei Dank, sind alle Einstellungen jederzeit abrufbar. Dadurch verschaffe ich mir ein bißchen Abstand, z.B. arbeite ich 5 Stunden an einen Lied und merke dann, daß ich langsam nicht mehr objektiv bin. Dann kann ich innerhalb einer Viertelstunde an einem völlig anderen Lied weiterarbeiten. Das ist praktisch das Prinzip der Arbeit.

Die verdächtige Single

Irgendwann während der Arbeit, meist schon relativ früh, kristallisieren sich für mich die Titel heraus, die für eine Single in Frage kämen. Das kann sich natürlich bis zur letzten Sekunde noch ändern, aber meist weiß man das schon vor der letzten Mischung. Oft geht es mir so, daß ich denke, hier fehlt noch etwas sehr Wichtiges und wenn das noch gelingt, dann ist das Lied sehr gut. Ab und zu fällt mir das Passende noch ein, manchmal aber auch nicht. Dann sag ich mir: schade, hätte eine Single werden können, ist aber keine.

Die aktuelle Single fast verhindert

Bei der neuen Single hat mir wirklich zunächst ein Teil gefehlt, der in der Mitte der Nummer lag, und ohne den es nie eine Single geworden wäre. Der Refrain und alles Andere stand fest und eigentlich war es nur eine Lapalie, aber ab und zu ist auch eine Lapalie sehr, sehr wichtig, weil sonst der Rest nicht stimmt. In diesem Fall hat der zweite Vers gefehlt und der ist mir sehr spät eingefallen. Ich hatte schon fast aufgegeben und dachte, dann müssen wir etwas anderes als erste Single machen. Vielleicht fällt mir in 6 Monaten das Fehlende noch ein und dann wird die neue Version eine Single. Und siehe da, als ich es am Wenigsten erwartet habe, war der Teil auf einmal da und so kam die Nummer wieder auf Nummer Eins der internen Rangliste.

Wie entstehen die Texte?

Die Auslöser, also daß ich Spaß habe und sage, oh, 'da möchte ich mehr wissen, was könnte aus diesem Lied werden', die sind vollkommen verschieden. Genauso ist es auch mit Texten. Ich sehe zum Beispiel ein Bild von einem Cover und da sehe ich auf einmal diese drei Gestalten und sag: "Le roi est morte, vive le roi!" Frag mich nicht warum. Diese Geschichte ist nun schon 2 ½ Jahre her, aber es passiert immer auf diese Weise. Du fängst einfach an zu arbeiten und auf der Festplatte in deinem Unterbewußtsein, da spielen sich wahrscheinlich mörderische Dinge ab. Auf einmal merkst Du, daß das, was Du machst, auch wirklich zu dem paßt, was du eigentlich sagen willst. Es war nicht so, das ich gesagt habe: "Le roi est morte, vive le roi!" - so wird das neue Enigma-Album heißen. Ich habe nur zu diesem Bild assoziiert. Und dann schreibe ich komischerweise irgendwann mal Texte, die wirklich genau da hinführen. Sonst hätte das Album auch einen vollkommen anderen Titel bekommen. Ich sage dir, die Wege des Herrn sind unergründlich. Oder wie heißt das?

Die suchende Seite

Ich bin ein optimistischer Mensch und ein optimistischer Realist. Ich denke, das Leben ist so wie es ist, aber ich versuche sehr oft, mir Gedanken zu machen: warum ist es so wie es ist? Da sind wir schon beim ersten Schritt des Laienphilosophen. Das paßt wiederum auch zu dem Alchemistendenken auf der musikalischen Seite. Ich bin ein irrsinnig neugieriger Mensch. Nicht neugierig auf das, was der Nachbar mit der Nachbarin über der Hecke geredet hat, sondern mich interessieren geschichtliche Sachen und ich lese, wenn ich Zeit habe Dinge, die nicht so üblich sind. Oder wenn ich Urlaub machen würde, dann würde ich nach Nepal fahren oder nach Kashmir, aber nicht auf die Malediven. Ich bin sehr neugierig veranlagt. Das ist eigentlich eine weitergeführte infantile Haltung: "Warum ist die Banane krumm?" Und das kann man weiterführen bis zu ganz tief existenzialistischen Fragen und ich suche immer die Antwort, weil das interessant ist.

Die Stimmung auf dem neuen Album

Bei dieser Platte sind die Schlagzeuge relativ dumpf, nicht mehr so laut wie sie mal waren. Auch diese nervösen Hi Hats gibt es nicht mehr. Ich weiß nicht warum. Bei allen Schlagzeugen habe ich permanent die Höhen und die Mitten rausgedreht, es war mir halt danach. Ich habe das nicht mit irgendeinem Hintergedanken gemacht, sondern irgendwie kam ich dieser Stimmung in mir damit näher und konnte sie besser ausdrücken. Das sind also eigentlich sehr natürliche Vorgänge, die zu diesem Endprodukt führen. Das alles kann allerdings nur ich beurteilen, weil nur ich weiß, was in mir vorging während der ganzen Zeit. Du kommst und hörst dir irgendwas an und sagst: das gefällt mir oder gefällt mir nicht, aus dem Gefühl heraus, das ein Glied ins Andere paßt. Das Eine ist der Text, das Andere ist ein Arrangement und das Dritte ist vielleicht die Mischung.

Die Suche nach dem Groove

Das war eine lange Suche nach Grooves und perkussiven Formen, die in dem Sinne nicht so alltäglich sind, zum Teil in der Form vielleicht auch noch nie gemacht wurden, ohne daß es dir jetzt direkt ins Auge springt.

Cretu als Produzent,wie arbeitet er mit den Künstlern?

Das ist von Künstler zu Künstler verschieden. Ein guter Produzent muß versuchen, das Grundpotential des Menschen am Besten umzusetzen, er muß also die Stärken hervorheben, die Schwächen möglichst vertuschen. Die liegen bei jedem Menschen woanders. Ich komme also nicht und sage: du bist nur das Instrument dazu, zu dem ich mein Hirngespinst in die Tat umsetze. Natürlich habe ich auch meine Handschrift und meine Vorlieben, aber die sind untergeordnet. Wenn es paßt, eine Vorliebe von mir unterzubringen, ohne daß es sozusagen der Uraufgabe schadet, dann gerne, aber der Interpret ist nach wie vor das Wichtigste und den mußt du so gut wie möglich featuren.

Junge Musiker orientieren sich an Michael Cretu

Gerade junge Musiker respektieren mich schon und versuchen, meine Worte ernst zu nehmen. Aber es kann sein, daß das, was ich sage, zu dem jeweiligen Menschen, wenn ich ihn nicht gut kenne, überhaupt nicht paßt. Vielleicht ist das, was ich ihm vermittle, genau das Gegenteil von dem, was ihn zum Ziel bringen würde und dann hätte ich ihm keinen Gefallen getan. Die Ziele und die Zielsetzung, die sind meistens gleich, aber die Wege, die dahin führen, die sind immer vollkommen verschieden.

Ratschläge für junge Musiker und Produzenten

Also, ich wüßte keine konkreten Ratschläge oder präzise Formeln. Ich kann nur sagen, daß es sehr, sehr schwer ist bis man oben ist, und daß viel, viel mehr dazu gehört, als nur ein gutes Lied zu schreiben oder eine gute Produktion zu machen. Das ist nicht einmal die halbe Miete.

Sandra als Ratgeber

Im Prinzip verlaß ich mich eigentlich nur auf mein eigenes Urteil. Aber ab und zu mal ziehe ich Sandra zu Rate, weil sie sich vollkommen undogmatisch etwas anhört. Zum Beispiel, wenn ich zwei oder drei Versionen von einem Stück habe, die mir alle mehr oder minder gleich erscheinen. Ich weiß schon, wo sie einen irrsinnigen Instinkt hat, und da sagt sie schon ab und zu mal was, wo ich sage: "Ja stimmt, da hast du Recht."

Musikalische Einflüsse

Es gibt immer wieder Sachen, die mir sehr gut gefallen. "Nirvana" zum Beispiel war für mich das Beste auf dem Rocksektor seit "Led Zeppelin". So eine Aussage traut man mir gar nicht zu, weil die Musik, die ich mache, damit eigentlich nichts zu tun hat. Etwas gut finden und etwas selber machen, das sind zwei Paar Schuhe. Ein anderes Beispiel sind "Snap". Ich wußte gar nicht, daß das aus Deutschland kommt. Als ich zum ersten Mal 'The Power' gehört habe, sagte ich: "Siehst du, so muß Rap-Musik gemacht werden. Das ist der Weg." Zu meiner großen Überraschung stellte ich Monate später fest, daß dies zwei Jungs aus Frankfurt sind.

Transcription reproduced from Virgin Germany for private and research purposes only.


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